Wenn Worte zuviel werden….
Vielleicht kennst Du das.

Ein Satz fällt.
Nebenbei gesagt. Fast beiläufig.
Und etwas in Dir zieht sich zusammen.
Der Moment ist längst vorbei, /weiterlesen
aber der Satz bleibt.
Er taucht wieder auf, wenn es still wird.
Abends.
Oder nachts.
Tagelang bohrt er nach.
Du gehst Gespräche noch einmal durch.
Fragst Dich, ob Du überreagierst.
Ob Du zu empfindlich bist.
Ob Du Dich einfach zusammenreißen solltest.
Gleichzeitig gibt es Lob.
Worte, die eigentlich gut gemeint sind.
Du hörst sie.
Aber sie bleiben nicht.
Kritik setzt sich fest.
Lob rutscht ab.
Und irgendwann merkst Du:
Das ist kein einzelner Satz mehr.
Das ist ein Muster.
Worum es dabei wirklich geht
Was hier wirkt, ist selten die Kritik selbst.
Und fast nie die Person, die sie ausspricht.
Was wirkt, ist Dein eigenes Urteil über Dich.
Der Schmerz entsteht nicht in dem Moment,
in dem jemand etwas Kritisches sagt.
Er entsteht in dem Moment,
in dem etwas in Dir sofort antwortet:
Ja. Genau das.
Das stimmt.
Das weiß ich doch längst.
Nach außen empörst Du Dich vielleicht.
Denkst: Wie kann der sowas sagen?
Was bildet sie sich ein?
Aber darunter läuft etwas anderes.
Etwas Schnelleres. Ehrlicheres. Brutaleres.
Ein inneres Nicken.
Ein Wiedererkennen.
Ein Zusammenfallen.
Nicht, weil die Kritik klug formuliert war.
Sondern weil sie einen Satz berührt,
den Du Dir selbst schon unzählige Male gesagt hast.
Du bist nicht genug.
Du bist schwierig.
Mit Dir stimmt etwas nicht.
Im Kern bist Du Müll.
Dieser Satz sitzt tiefer als jeder Gedanke.
Er ist kein bewusster Glaubenssatz.
Er ist ein innerer Zustand.
Und wenn jemand von außen etwas sagt,
das auch nur entfernt in diese Richtung geht,
fühlt es sich an,
als würde jemand einen wunden Punkt freilegen,
der nie wirklich verheilt ist.
Deshalb schreit innerlich alles:
Ja.
Ja, genau.
Sie haben recht.
Und deshalb ist der Schmerz so überwältigend.
Nicht, weil jemand Dich verurteilt.
Sondern weil Du es selbst längst getan hast.
Lob hat dort keine Chance.
Nicht, weil es nicht stimmt.
Sondern weil es gegen ein inneres Urteil spricht,
das sich absolut anfühlt.
Warum dieses innere Urteil entsteht
Niemand kommt mit dem Gedanken auf die Welt,
dass er im Kern falsch oder minderwertig ist.
Dieses Urteil entsteht,
wenn ein Mensch zu früh mit etwas konfrontiert ist,
das er innerlich nicht einordnen kann.
Das kann offene Kritik sein.
Oder ständiges Korrigiert-Werden.
Oder Erwartungen, die nicht erfüllbar waren.
Manchmal ist es auch etwas Feineres:
ein Gefühl, zu viel zu sein.
Oder zu wenig.
Oder nicht richtig passend.
Das innere System braucht dann eine Erklärung.
Etwas, das Ordnung schafft.
Und es findet eine,
die brutal ist, aber wirksam:
Dann liegt es an mir.
So entsteht ein innerer Richter.
Nicht als Feind,
sondern als Schutz.
Wenn ich mich selbst verurteile,
bin ich vorbereitet.
Dann trifft es nicht ganz so unvorbereitet,
wenn es von außen kommt.
Das innere Urteil ist also kein Zeichen von Schwäche.
Es ist ein Überlebensmechanismus.
Ein Mechanismus, der einmal Sinn gemacht hat.
Und der heute weiterläuft,
obwohl die Situation längst eine andere ist.
Deshalb reagiert Dein Körper noch immer so heftig.
Nicht, weil Du empfindlich bist.
Sondern weil dieses alte System noch glaubt,
es müsse Dich schützen.
Wie Du heute damit umgehen kannst
Der wichtigste Punkt zuerst – und der ist unbequem:
Dieses innere Urteil lässt sich nicht einfach „auflösen“.
Und es verschwindet auch nicht, weil man es verstanden hat.
Aber:
Du kannst ihm die Führung entziehen.
Der Fehler vieler gut gemeinter Ansätze ist,
dass sie versuchen, das innere Urteil zu widerlegen.
Oder durch positive Sätze zu ersetzen.
Das scheitert fast immer.
Weil dieses Urteil nicht logisch entstanden ist
und sich deshalb auch nicht logisch auflösen lässt.
Was funktioniert, ist etwas anderes.
1. Hör auf, mit dem inneren Urteil zu diskutieren
Wenn Kritik kommt und innerlich sofort dieser alte Satz auftaucht
(Ja. Genau. Du bist Müll.),
dann bringt es nichts, dagegen anzureden.
Das verstärkt nur den inneren Kampf.
Hilfreich ist ein klarer innerer Schnitt:
Das ist mein altes Urteil.
Es ist da – aber es entscheidet jetzt nicht.
Kein Wegdrücken.
Kein Schönreden.
Nur eine Zuständigkeitsklärung.
2. Trenne Information von Selbstbild
Kritik enthält manchmal Information.
Aber fast nie eine Wahrheit über Dich als Mensch.
Frag Dich nüchtern:
- Geht es um ein konkretes Verhalten?
- Oder geht es gerade um meinen Wert?
Alles, was Deinen Wert betrifft,
ist nicht verhandelbar.
Nicht, weil Du perfekt bist.
Sondern weil Dein Wert keine Verhandlungssache ist.
3. Bleib beim Konkreten – radikal
Das innere Urteil arbeitet pauschal.
Immer.
Du bist falsch.
Du kannst nichts.
Mit Dir stimmt grundsätzlich etwas nicht.
Die erwachsene Ebene arbeitet konkret.
Nicht:
Ich bin unfähig.
Sondern:
Das ist mir nicht gelungen.
Nicht:
Ich bin zu viel.
Sondern:
Das hat hier Widerstand ausgelöst.
Das klingt unspektakulär.
Ist aber der Punkt, an dem Du innerlich wieder Boden bekommst.
4. Lass Lob stehen, ohne es fühlen zu müssen
Du musst Lob nicht sofort glauben.
Du musst es nicht fühlen.
Du musst nichts daraus machen.
Es reicht, wenn Du es nicht abwertest.
Kein:
Ach, das war doch nichts.
Kein:
Die meint das nur nett.
Ein innerer Satz genügt:
Das wurde mir gerade gesagt.
Mehr braucht es nicht.
Anerkennung wirkt langsam.
Aber sie wirkt nur dort,
wo sie nicht aktiv abgewehrt wird.
5. Der entscheidende Perspektivwechsel
Der Schmerz entsteht nicht,
weil andere Dich verurteilen.
Er entsteht,
weil Du Dir selbst schon lange nicht mehr wohlgesonnen bist.
Und genau dort liegt auch der Hebel.
Nicht in mehr Selbstoptimierung.
Nicht in mehr Reflexion.
Sondern darin,
das eigene innere Urteil nicht mehr als Wahrheit zu behandeln.
Du musst Dich nicht mögen.
Du musst Dich nicht loben.
Du musst Dich nicht gut finden.
Aber Du kannst aufhören,
Dich innerlich zu vernichten.
Das ist kein kleiner Schritt.
Das ist ein erwachsener.
Zum Schluss
Wenn Worte zu viel werden,
liegt das nicht daran,
dass Du zu empfindlich bist.
Es liegt daran,
dass sie etwas berühren,
das in Dir schon lange unter Druck steht.
Viele Menschen leben mit einem inneren Urteil,
das sie selbst kaum noch bemerken.
Es ist so selbstverständlich geworden,
dass es wie die eigene Stimme klingt.
Und genau deshalb tut Kritik so weh.
Und genau deshalb erreicht Lob Dich kaum.
Das zu erkennen,
ist kein Rückschritt.
Es ist der Moment,
in dem Du beginnst,
Dich nicht mehr automatisch gegen Dich selbst zu stellen.
Verstehen heißt hier nicht,
dass es sofort leichter wird.
Aber es heißt,
dass Du aufhörst, Dich zusätzlich zu verletzen.
Manchmal ist das zunächst alles,
was möglich ist.
Und manchmal ist genau das der Punkt,
an dem neue Orientierung entstehen kann.
Wenn Du merkst,
dass Du an so einem Übergang stehst
und ihn nicht allein sortieren möchtest,
kannst Du mit mir sprechen.
Über Heike Engel
Heike Engel, Heilpraktikerin und Seelentherapeutin.
Sie begleitet Menschen in Lebensphasen, in denen Orientierung fehlt, innere Sicherheit verloren gegangen ist oder der eigene Weg nicht mehr spürbar ist – und dort, wo neue Perspektiven entstehen dürfen. Ihre Arbeit verbindet Klärung und Stabilisierung mit einer behutsamen Ausrichtung nach vorn.
Schwerpunkte: innere Klärung · emotionale Überforderung · Stabilisierung · Neuorientierung · Zukunftsarbeit